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26. Oktober 2008

Kreissynode Koblenz hat in St. Goar getagt

Trotz Turbulenzen ein stabiles Schiff, “auf dem sich glauben, leben und arbeiten lässt”


Die Synode des Evangelischen Kirchenkreises Koblenz hat am 24. und 25. Oktober in der Rheinfels-Halle St. Goar getagt. Zum Auftakt seines Jahresberichtes vor knapp 120 Delegierten äußerte sich Superintendent Dr. Markus Dröge zum auch innerkirchlich spürbaren scharfen Wind der Ökonomisierung aller Lebensbereiche: “Wir müssen enorm flexibel sein, ohne den Kurs zu verlieren.” Dennoch sei er überzeugt, „dass wir durchaus ein stabiles Schifflein haben, auf dem sich glauben, leben und arbeiten lässt.“

Der höchste Repräsentant von 86.000 Protestanten im nördlichen Rheinland-Pfalz sprach sich außerdem entschieden dafür aus, weiterhin die Schwachen in der Gesellschaft im Blick zu behalten: “Von unserem Verständnis als Kirche her ist jede diakonische Beratung eines Ratsuchenden ein Ort, an dem die Menschenwürde neu entdeckt und gestärkt werden kann und muss. Denn diese Menschenwürde wird, oft unbemerkt, mitten unter uns, sehr strapaziert.” Er halte es zum Beispiel für nicht verantwortbar, “wenn verlangt wird, dass Hartz IV Empfänger in preisgünstigere Wohnungen ziehen, die es aber bei uns gar nicht gibt, und wenn sie dann regelmäßig von dem Geld, das für den Lebensunterhalt, für Schulmaterialien der Kinder oder für Kleidung berechnet ist, Mittel für die Miete drauflegen müssen.”

Für erschreckend halte er die Diskussion, die vor Kurzem durch die Presse ging, wonach zukünftig eine Klage am Sozialgericht mit 75 Euro gebührenpflichtig werden solle. Dies sähe offenbar ein Gesetzentwurf der Bundesregierung vor. Dazu der Superintendent: “Wenn dies käme, würde es für Hartz IV-Empfänger bedeuten, dass sie es sich buchstäblich vom Munde absparen müssten, ihr Recht zu bekommen.” Sein Dank gelte in diesem Zusammenhang dem Leiter der Arbeitsagentur Koblenz. Dieser habe darauf hinge¬wiesen, wie wichtig es wegen der Gleichheit vor dem Gesetz sei, dass Hartz IV Empfängern der Rechtsweg ohne Hürden offen bleibt. Dass das Klagen not¬wendig sei, zeige die Tatsache, dass immerhin 30 Prozent der Klagen von Hartz IV Empfängern erfolgreich seien. Dröge: “Wenn es zu den vornehmen hoheitlichen Aufgaben des Staates gehört, dafür zu sorgen, dass gerade die finanziell Schwachen ihr Recht bekom¬men können, dann kann das Prozessrisiko nicht auf die Hartz IV Empfänger abgewälzt werden. Insofern halte ich den Gesetzesentwurf für skandalös.”

Kritisch bewertete Superintendent Dröge auch die derzeitige Finanzkrise: „Jetzt wird deutlich, dass in der vergangenen Zeit Gewinne produziert wurden, denen keine entsprechenden Werte zugrunde liegen, dass mit Finanzen jongliert wurde, ohne sich auch nur ansatzweise um die Auswirkungen für das Leben von Mensch und Umwelt zu scheren“, so Dröge. Die Landessynode 2008 hatte eine Erklärung mit dem Titel „Wirtschaften für das Leben“ verabschiedet. In ihr ist die grundsätzliche These formuliert, dass die Wirtschaft dem Leben dienen müsse, nicht das gesamte Leben der Optimierung von Wirtschaftsprozessen. Erst jetzt werde wirklich klar, “dass Fragen der Weltwirtschafts- und Finanzordnung auch unsere Fragen sind.” Es sei sehr zu wünschen, “dass die jetzige Krise zu einem Umdenken Anlass gibt; dass jetzt nicht nur die Finanzblasen platzen, sondern auch die Ideologieblasen, die uns einreden wollen: Leben gibt es nur im wirtschaftlichen Kampf aller gegen alle.”

Das Impulspapier “Bildung ist mehr…” als Jahresthema 2009 für die Gemeinden und Einrichtungen des Kirchenkreises hat Dr. Rainer Möller am Samstag eingebracht. Das Thema stehe “zurzeit hoch im Kurs”, so der Schulreferent. “Von der Bundskanzlerin über die Medien bis zu Wirtschaftsverbänden – alle drängt es zur Bildung als einem vermeintlichen Schicksalsthema unserer Zeit.” Bildung aus evangelischer Perspektive sei mehr als das “Fitmachen für den Arbeitsmarkt”. Kirche sei die einzige gesellschaftliche Institution, in der Bildung lebenslang und den ganzen Menschen betreffend eine Rolle spiele, so Möller. Anders als der gerade erst von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einberufene Bildungsgipfel, der nach nur einem Nachmittag “letztlich substanzlos und im Ergebnis mager” geblieben sei, gehe es für den Kirchenkreis Koblenz in den kommenden zwölf Monaten darum, sich mit dem zugrunde liegenden christlichen Menschenbild von Bildung auseinanderzusetzen und zur Herbstsynode 2009 mit einer “Bildungslandkarte” transparent zu machen, in welchem Maße Gemeinden, Kindertagesstätten, Jugendarbeit, Schulen, Erwachsenenbildung und andere kirchliche Arbeitsbereiche dieses Thema profiliert protestantisch mit Leben füllen.

Einstimmig hat sich die Synode Koblenz als erste aus insgesamt acht rheinland-pfälzischen Kirchenkreisen der EKiR entschlossen, dem neu einzurichtenden “Trägerverbund der Diakonie der Kirchenkreise in Rheinland-Pfalz” beizutreten. “Wir müssen die Zusammenarbeit der Kirchenkreise im Süden der rheinischen Landeskirche besser organisieren”, so Superintendent Dr. Markus Dröge. Ziel sei es, zukünftig mit einer Stimme gegenüber dem Land und der Landeskirche auftreten zu können. Themenbereiche der Diakonie sollen zukünftig besser koordiniert werden. So sieht die Satzung des Trägerverbundes vor, für die Arbeitsbereiche Betreuungsfragen, Suchtberatung, Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatung, Schuldnerberatung, Ehe-, Familien und Lebensberatung, Migration, Kindertagesstätten und diakonisch-häusliche Pflege für jeweils vier Jahre eine fachlich zuständige Person aus den kreiskirchlichen Diakonischen Werken zu benennen. Ihre Aufgabe sei es dann, fachliche Stellungnahmen intern vorzubereiten und nach außen verbindlich abzugeben.

Zur Synodalassessorin für die nächsten acht Jahre ist Pfarrerin Birgit Becker aus der Kirchengemeinde Bacharach-Steeg gewählt worden. Sie tritt die Nachfolge von Pfarrer Hans-Joachim Hermes aus Koblenz-Mitte an, der nach 16 Jahren im Kreissynodalvorstand und acht Jahren im Amt des stellvertretenden Superintendenten nicht erneut kandidiert hat. Die 42-jährige Theologin geht von Januar bis Dezember 2009 in ein sogenanntes Sabbatjahr und wird während dieser Zeit vom ebenfalls neu gewählten Skriba, Dr. Rainer Möller, vertreten.

Wieder eingerichtet hat die Synode mit breiter Mehrheit eine Beauftragung für die Beratung von Kriegsdienstverweigerern (ehemals “Beratung Wehrpflichtiger”). Angesichts der Beteiligung deutscher Soldaten an Auslandseinsätzen der Bundeswehr sei es dringend erforderlich, persönliche Beratungsgespräche bei Gewissenskonflikten, Begleitung zu Anhörungen und bei Verfahren zur Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer anzubieten. Berufen sind Rüdiger Lancelle (Cochem) Pfarrer Friedemann Schmidt (Standortpfarrer Büchel) und Militärdekan Karsten Wächter (Militärdekan Koblenz).

Nach zweijähriger Probezeit wurde jetzt die unbefristete Mitgliedschaft im Erwachsenenbildungswerk Rheinland-Süd (eeb) mit Sitz in Simmern beschlossen. Stelleninhaberin Pfarrerin Margit Büttner bleibt mit ihrem Büro der Außenstelle Koblenz im Kirchenkreis präsent.

Heidemarie Falkenberg hat als Vorsitzende des kreiskirchlichen Finanzausschusses den Haushalts- und Stellenplan 2009 vorgestellt. Der Haushalt sei “ausgeglichen, stabil und solide” und beläuft sich in Einnahmen und Ausgaben auf ein Gesamtvolumen von 4.552.405,- Euro. Trotz weiterhin strengen Sparkurses sei es gelungen, die lange vakante Kreiskantorenstelle mit einem Dienstumfang von 25 Prozent und die kreiskirchliche Öffentlichkeitsarbeit mit einem Dienstumfang von 50 Prozent neu in den Haushalt 2009 einzustellen.

Ferner hat die Kreissynode Koblenz beschlossen, die Einrichtung einer geregelten Pfarrvertretung in der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) als Beschlussvorlage bei der Landessynode im Januar 2009 in Bad Neuenahr einzubringen.

Grußworte zur Synode sprachen Gemeindeleiter Wilfried Reuther von der Freien Evangelischen Gemeinde St. Goar und Werlau, die Kreisabgeordnete Gerda Brager und der Stadtbürgermeister von St. Goar, Walter Mallmann.

Die nächste Kreissynode findet statt am Freitag, dem 5. Juni 2009 im Soldatenfreizeitheim Horchheimer Höhe in Koblenz. Schwerpunktthema ist die Pfarrstellenkonzeption des Kirchenkreises.


Wollen das regionale Kirchenschiff in den kommenden Jahren auf Kurs halten (von links): Rüdiger Lancelle (1. Synodalältester, Cochem), Pfarrer Dr. Markus Dröge (Superintendent, Koblenz-Mitte), Pfarrer Ingo Schrooten (2. Stellvertreter Skriba, Maifeld); Pfarrerin Birgit Becker (Synodalassessorin, Bacharach-Steeg), Jürgen Hein (Vertreter 1. Synodalältester, St. Goar), Martina Klawonn (3. Synodalälteste, Emmelshausen-Pfalzfeld), Manfred Knieling (Vertreter 2. Synodalältester, Koblenz-Pfaffendorf), Uwe Schikorr (4. Synodalältester, Emmelshausen-Pfalzfeld), Pfarrerin Elke Smidt-Kulla (1. Vertreterin Skriba, Bad Neuenahr), Hans Carstensen (Vertreter 4. Synodalältester, Koblenz-Pfaffendorf), Pfarrer Dr. Rainer Möller (Skriba, Winningen). Nicht im Bild: Harald Kruse (2. Synodalältester, Urmitz-Mülheim) und Jutta Deimel (Vertreterin 3. Synodalälteste, Oberwinter).

Nicht erneut kandidiert haben Pfarrer Hans-Joachim Hermes (Koblenz-Mitte), Heidemarie Falkenberg (Remagen-Sinzig), Pfarrer Reinhold Heinemann (Plaidt), Dr. Tilman Koops (Urmitz-Mülheim) und Helga Nitsch (Koblenz-Mitte).

Text: Katrin Püschel – Fotos: Katrin Püschel / Hans-Dieter Brenner

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